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30 Jahre Mauerfall… ein Ossi erinnert sich…

Jetzt oute ich mich mal: JA, ich bin ein Ossi! haha… als die Mauer fiel, war ich zarte 17 Jahre alt… und schrieb damals voller Staunen folgendes in mein

Tagebuch

17.11.89: „Seit dem letzten Wochenende sind die Grenzen zur BRD offen! Es ist fast unvorstellbar, dass man jetzt überall da hinfahren kann, wo bis vor einer Woche noch Gefängnisstrafen bei Grenzübertritt drohten! Jetzt bekommt jeder sein Visum in seinen Personalausweis gestempelt und kann ein halbes Jahr lang 30 Tage nach „drüben“. Es ist unvorstellbar!….

Letztes Wochenende war ich sofort in Berlin (West). Es war einmalig! Ich stand in Westberlin und heulte. Ich konnte es echt nicht fassen. Bis 21 Uhr haben wir in Kreuzberg einen Einkaufsbummel gemacht und die 100 DM Begrüßungsgeld verbraten!

Dazu kommen jetzt noch Demonstrationen im ganzen Land, für Umgestaltung, freie Wahlen u.s.w.

Tja, so ist also vieles geschehen, was unser kleines Land plötzlich für die ganze Welt interessant macht. Jetzt bekommen wir Unterstützung von allen Ländern. Jeder will uns helfen. Und endlich nimmt unsere Regierung die wirtschaftliche Hilfe an, die wir so dringend brauchen.

Noch eine Neuigkeit: Der Samstag ist jetzt schulfrei und der Staatsbürgerkundeunterricht ist zur Zeit ohne Lehrplan und Zensur! Es werden überall Partnerstädteverträge abgeschlossen. …

Es war eine turbulente Zeit für einen Teenager, eine Zeit voller Ungewißheit, voller Angst vor der Zukunft und Hoffnung….

Mein Weg führte mich von Magdeburg über Chemnitz nach Braunschweig… 😉

In Braunschweig habe ich mich damals, 1991, sofort wohl gefühlt und mir war klar, für MICH gibt es keinen Weg „zurück“. . nicht falsch verstehen, ich liebe meine Heimat, meinen Geburtsort und alles, was ich dort erlebt habe. Ich kehre gern zurück, schwelge in Erinnerungen, … doch zu Hause bin ich jetzt in Niedersachsen.

Es ist schon echt seltsam, wenn man mit Mitte 40 an eine Zeit zurück denkt, die einen selbst das halbe Leben begleitet hat… doch mein Sohn kennt es nur aus dem Geschichtsunterricht! Irgendwie komisch… haha…

Man kann auch niemandem, der es nicht erlebt hat, vermitteln, wie man sich in der DDR gefühlt hat, wie es sich angefühlt hat, immer auf seine Worte zu achten, immer zu glauben, dass man belauscht und beobachtet wird… und wenn man etwas erreichen wollte, war einem klar, dass man sich mit dem System arrangieren mußte!

Und, ganz ehrlich, es ging uns gut dabei! Aus heutiger Sicht unvorstellbar, aber warum ging das denn so lange gut? Weil es niemandem wirklich SCHLECHT ging! Man hatte Arbeit, einen Krippen- bzw. Kindergartenplatz, ein einheitliches Schulsystem, außer Bananen gab es alles, was man zum Leben brauchte 😉 , durch Regulierungen hatten alle die selben Klamotten, da gab es wenig, womit man „angeben“ oder „protzen“ konnte… haha…

Nein, es war nicht toll und ich will das System auf keinen Fall zurück… aber ich will ein wenig zum Nachdenken anregen, für die Leute, die sich immer wieder fragen, wie konnte das funktionieren?? Es klappte mit dem System: „Gib ihnen was sie brauchen, nicht zu viel, damit sie nicht übermütig werden und nicht zu wenig, damit sie nicht aufmüpfig werden.“

Dass die aufkommende Digitalisierung, die überschwappenden Medien, allerdings eine Welt zeigten, die irgendwie ganz anders als „unsere“ war und trotzdem funktionierte, damit hatte wohl bei den oberen Bonzen niemand gerechnet… und nicht mit dem so plötzlich überkochenden Zorn der „gebildeten“ Mittelschicht!! Auch ich war damals, mitten im Abiturjahr, in Chemnitz auf der Straße… mitten in der Nacht.. und habe demonstriert! Für Freiheit, nicht nur Reisefreiheit, sondern MEINUNGSfreiheit!!!

„Wir sind das Volk!“

Eine aufregende Zeit, die mit einer stärkeren Regierung auch ganz anders hätte verlaufen können… DARAN muß ich heute immer denken, wenn ich mich zurück erinnere… und Bilder aus Hongkong sehe… ja, es hätte auch ganz anders kommen können…

Und dann bin ich unendlich dankbar, dass es genau SO verlaufen ist… unglaublich… unfassbar… friedlich!

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